- Erstes Gastspiel von Max Linder im Theater Sonn. Donnerstag den 21. November. Wer mit der Sensationslüsternheit des Publikums rechnet, verrechnet sich selten. Zu Tausenden waren die Menschen herbeigeströmt, den Riesenraum des Theaters bis auf das letzte Eckchen füllend und jeden Quadratzoll Bodens mit teurem Gelde bezahlend. Galt es doch, einen der populärsten Menschen unserer Zeit, den berühmten Kinematographenkönig Max Linder, endlich leibhaftig vor Augen zu sehen. Durch die minderwertige Vorstellung der nachgerade schon langweilig gewordenen "Lustigen Witwe" ist die Spannung im Publikum aufs äußerste gestiegen. Plötzlich erscheint vor dem Vorhang der Regisseur und meldet mit betrübter Miene, daß Max Linder ein Automobilunfall betroffen, daß die Vorstellung nicht stattfinden könne und das Geld an der Kasse zurückgezahlt werde. Schon will ein Sturm der Entrüstung losbrechen, da erhebt aber der Kapellmeister seinen Dirigentenstab, und die Entrüstung weicht einem überlegen ungläubigen Lächeln. Bühne und Saal werden plötzlich dunkel und endlich - endlich erscheint Max Linder auf der - Leinwand. Jammerschade, daß die Dunkelheit in diesem Augenblick keine physiognomischen Beobachtungen zuließ. Jedenfalls stand die Länge der Gesichter im Publikum in direkt proportionalem Verhältnis zur Länge des kinematographischen Bandes. Max Linder eilt in einem Auto zur Vorstellung, erleidet eine Panne, kramt sich schnell aus den Trümmern heraus, besteigt ein ledig stehendes Pferd, eilt weiter, stürzt, durchschwimmt ein Wasser, eilt zu Fuß weiter, erblickt einen Luftballon, der sich zur Fahrt erhebt, schwingt sich in den Korb, und wie der Ballon über dem Theater Sonn schwebt, läßt sich Linder an einem Strick auf dessen Dach herab. Plötzlich wird es hell, und an einem Strick gleitet nun der leibhaftige Max Linder auf die Bühne hinab. Der Uebergang vom Schein zur Wirklichkeit ist so frappant und so geschickt gemacht, daß ein kaum dagewesener Beifallssturm losbricht. Nachdem sich der Sturm endlich gelegt, entschuldigt sich Max Linder in gebrochenem Russisch seiner Verspätung wegen, der Vorhang geht auf und die Vorstellung der Burleske "Die Liebe und der Tango" beginnt. So eigentümlich es klingen mag, aber für mich war dies originelle und effektvolle Entree der interessantere Teil seines Auftretens. Schein und Wirklichkeit sind eben in ihren Wirkungen doch nicht identisch. Wer auf der Leinwand komisch wirkt, verliert mitunter, wenn es reale Formen annimmt, seine Komik und umgekehrt. Eklatante Beispiele dafür sind einerseits Warlamow, der auf der Leinwand einen großen Teil seiner Komik einbüßt, und andererseits Linder, der wiederum in der Wirklichkeit an Komik verliert. Was man im Kinematographen zuweilen kritiklos hinnimmt, das ruft im wirklichen Leben Kritik hervor.

    Im Reiche des Kinematographen ist Max Linder einzig, auf der Bühne aber dürfte er Konkurrenten haben. Er ist ein brillanter Exzentriker mit einer bis ins Maßlose gesteigerten Ausdrucksfähigkeit, die ihn geradezu für den Kinematographen prädestiniert, im Leben aber als zu starke Uebertreibung empfunden wird. Bewundernswert ist seine akrobatische und dabei doch hoch elegante Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit, die aber mehr ins Variété als in den Rahmen eines Bühnenstücks hineinpaßt, wie bizarr es auch sein möge.

    "Die Liebe und der Tango" ist eine von ihm selbst, augenscheinlich für den Film bestimmt, zusammengestoppelte Burleske. Als Anbeter einer schönen, jungen Frau, wird er von ihrem eifersüchtigen Gatten überrascht und muß die Rolle eines "Coiffeur malgré lui" spielen, was natürlich eine Fülle der komischsten und unwahrscheinlichsten Situationen ergibt, die von ihm weidlich ausgenutzt werden. Zum Schluß tanzt er mit dem lieblichen und graziösen Frl. Mitchele einen Tango, der an Eleganz und Grazie bis jetzt in Petersburg unübertroffen dastehen dürfte. Der Erfolg war ein starker, und das Publikum amüsierte sich vorzüglich. Alfons Schultz. (St. Petersburger Zeitung, 6.12.1913 [russ.Kal.:23.11.13])