- Der Wintergarten besitzt augenblicklich eine Zugnummer ersten Ranges: Max Linder. Dieser junge Mann mit dem deutschen Namen ist ein Stockfranzose. Was mag seinen deutschen Ahn vor langer Zeit veranlaßt haben, sich in Frankreich niederzulassen? Das Auftreten Linders wirkt sensationell aus einem ganz anderen Grunde, als ihn sonst in Spezialitäten-Etablissements die Auftretenden bieten. Er beweist ersten, daß das Kinematographen-theater auf die Dauer dem Publikum nicht genügen kann, und kommt ihm deshalb in einem Einakter - Sketch sagen die "Gebüldeten" - entgegen, und sodann zeigt er, daß man, um Erfolg zu erzielen, eben nur das Einfache, Wahre, und nichts Sensationelles nach landläufigen Begriffen zu leisten braucht. Er wird uns also zuerst als Kino-Schauspieler in einer Verfolgungsszene vorgeführt; man sieht schließlich, das er sich, "um rechtzeitig in Berlin einzutreffen", aus einem Ballon auf der Schleifleine herabläßt. Nun wird das Filmbild Wirklichkeit und vor der weißen Wand läßt sich Linder in Person herab, um sich dem Publikum leibhaftig zu zeigen. Und jetzt beginnt der Sketch - das gebüldete Programm wählt auch diesen uns Deutschen unverständlichen Ausdruck. Unverständlich nur in bezug auf die Bühne; denn was eine Skizze ist, wissen wir am Ende, verlangen aber, daß ein Theaterstück mehr als Skizze sei. Der Einakter, in dem Max Linder auftritt, heißt: "Aus Liebe Hühneraugenoperateur". Eine verheiratete Frau läßt sich die Füße von einem Fußheilkünstler in Ordnung bringen und in demselben Augenblick, da sie ihren nackten gepuderten Fuß darbietet, erscheint Max, ihr Liebhaber. Er schickt den Operateur weg und beginnt, der Frau die Liebe zu gestehen. In diesem Augenblick kommt der Gatte von der Billardpartie heim - und Max weiß sich nicht anders zu helfen, als daß er tut, er wäre der Hühneraugenoperateur. Mit Freude hört Mons. Durand, der Gatte, davon und bittet Max, auch sein Hühnerauge zu operieren, da es ihm Schmerzen verursache. Jetzt ist der Galan in Verzweiflung, aber was hilfts, er muß daran gehen, soll nicht alles verraten sein. Man begreift, daß die Situation sehr spannend und kitzlig ist. Wie der arme Gatte aber vom Ungeschickten malträtiert wird, das erheitert groß und klein. Endlich kommt der eifersüchtige Gatte doch dahinter, daß Max gar kein Operateur sei, und es entwickelt sich eine blutlose Schießerei. Dazwischen aber war Max noch einmal mit der Geliebten allein, weil ihr Gatte dem wirklichen Operateur nachsetzte, der sich fortschleichen wollte aus dem Boudoir der Herrin des Hauses und dabei eine Vase umwarf. Max und Frau Durand hören einen Leierkasten spielen und tanzen einen neumodischen Tanz. Wie man sieht, eine ziemlich naive "Dichtung". Aber wie spielen die Franzosen! Linder selbst ist in allen Situationen diskret und wirkt komisch einzig durch die Hingabe an die Szene und die Naturwahrheit, mit der er dem Augenblick gerecht wird. Auch Mlle. Leonora verdient, gerühmt zu werden. Sie lebt die Situation. Und wie küssen sich die Franzosen! Ja, das ist Naturalismus und Poesie zugleich. Man lerne es! Der Erfolg des Sketchs - sprich Sketchs, würde Wippchen sagen - war enorm. Die letzte Szene mußten Linder und Leonora sogar wiederholen, aber das Publikum wollte gar nicht zu applaudieren aufhören. Es war begeistert, einfach durch geniales Komödienspiel. Es ist eben noch immer verflucht gescheit, das Publikum, wie beschränkt der Einzelne auch sein mag.

    Auch die übrigen Gaben des Abends verdienen, gerühmt zu werden. Die reizende Radfahrerin Miß Efesteo, die Zanfrellas mit equilibristischen Neuheiten, daß man den Atem vor Angst anhält, die Hunde Lipinskis, welche Betrunkene spielen, Orgeln drehen, ins Telephon bellen ec. die Kontorsionisten Shelvey Boys (von Contorcere aus dem Italienischen, das Verdrehen heißt) und der komische Jongleur Weiland, der sich bei jedem mißlungenen Trick von der Ohrfeigenmaschine bearbeiten läßt, bildeten den ersten Teil. Im zweiten Teil sahen wir Sahary-Djeli in der Pantomime "Die Liebe erwacht". Ein sehr schönes Mädchen mit sehr schönen Beinen zeigt uns, wie man Anbeter durch Gliederverrenkungen statt abzuweisen noch mehr hinreißt und wie man, wenn man den Liebestrank genossen hat, die Folgen durch Bauchtanz und Schlangenwindungen anzeigt. Dann wird die schöne Odaliske jedoch vergiftet und stirbt in rhythmischen Windungen, bis sie über eine Treppe herabfällt. Wäre sie nicht so schön, die Pantomime hätte vielleicht die große Wirkung nicht erzielt. Nach Linder, der der Odaliske folgte, produzierte sich noch Jeanette Denarber mit ihrem Ballon, wurde der Scherz "Der zerbrochene Spiegel" aufgeführt und dann kamen die Sunshine Girls und der Biograph - fast zu viel für einen Abend. (Berliner Börsen-Zeitung, 5.12.1912)